Das Facebook Live Dilemma: wenn man für mehr Reichweite seine eigenen Fans verarscht

Das Facebook Live Dilemma: wenn man für mehr Reichweite seine eigenen Fans verarscht


Facebook Live ist die neue Wunderwaffe um Nutzer und deren Aufmerksamkeit als Facebook Seite zu binden. Der Breitband-Ausbau in der westlichen Welt gepaart mit einfachen Tools, die es jedem Nutzer ermöglichen zum Sender zu werden, haben Facebook einen Weg geebnet an dessen Ende die Ablösung von TV als Leitmedium stehen könnte.

Das diese Entwicklung nicht immer positiv ist, beziehungsweise nach den Wünschen von Facebook verläuft, haben wir in den letzten Monaten mehrfach gesehen:

Selbst etablierte Medien gehen inzwischen soweit, die Kämpfe im Irak mit „Embeded Journalists“ live und ungefiltert auf Facebook zu streamen.

Wenn Live gar nicht Live ist

Parallel dazu haben wir dann Fälle, wie gestern auf der Seite von Unilad. Ein vermeintlicher Live-Stream von der ISS mit Blick auf die Erde erreicht 20 Millionen Aufrufe, 1 Millionen Interaktionen und 213.000 Shares. Bereits gestern Abend war klar, hier wurde lediglich ein YouTube Video als Live-Quelle eingespielt.

Ein Stream vom Montag, der lediglich einen Online Counter der aktuellen Weltbevölkerung zeigte, schaffte es dann noch auf 22 Millionen Aufrufe, 330.000 Interaktionen und 235.000 Shares.

Zahlen, von denen etablierte Seiten nur träumen können. Erzielt mit einem einfachen Betrug an Facebook und dem Nutzer, am Ende des Tages geht es den Seiten hier nur um Reichweite, ganz egal wie sehr man die Fans mit falschem Content verarscht. Oft genug gehört den entsprechenden Seiten der Inhalt nichtmal, aber das ist ein ganz anderes Problem.

Die dazu nötige Software ist nicht nur kostenlos, sondern auch noch nahezu idiotensicher zu bedienen. Diese bisherigen Fake-Live Videos werden also sicher nicht die letzten gewesen sein. Und auch neue Funktionen wie die Facebook Live Map und „Sheduling for Facebook Live“ werden die Reichweite eher noch einmal in die Höhe treiben.

facebook_live_map

Aber kann es so weitergehen? Sicher nicht. Erinnert ihr euch noch an die ultraschnelle Verbreitung von Facebook Games? Eine Goldgrube, die ganze Facebook Games Imperien entstehen (und zu Grunde gehen) lies. Oder an die Facebook Events, die so gut liefen, dass Diskotheken und Clubs teilweise gar ihre Webseiten zu Gunsten von Facebook schlossen. Auch das ist vorüber. Oder an die 10 Tipps bei dem Nr. 5 euer Leben verändert?

Facebook hat zwei Schlüsselfaktoren in der Hand mit denen sich die Verbreitung und Vitalität von Inhalten steuern lässt: Der Newsfeed Algorithmus zum einen und die Facebook Notifications zum anderen. Live-Videos erhalten eine überproportionale organische Verbreitung und werden zudem mit Benachrichtigungen an die Fans einer Facebook Seite gepusht. Ob dies so bleiben wird ist fraglich …

Drei Szenarien scheinen uns derzeit denkbar:

Wenn Facebook ein neues Lieblingsspielzeug findet oder die Priorität verändert, dann kann die Reichweite für die aktuellen Live Formate ganz schnell zurückgefahren und verlagert werden. Ähnliches haben wir bereits beim Shift von Video zu Live-Video gesehen.

Das andere Szenario entfaltet sich seit gestern vor uns: Betrüger nutzen die Facebook Funktionen, um sich und dem eigenen Unternehmen einen unfairen Vorteil gegenüber Mitbewerbern zu verschaffen und tragen diesen Kampf um Aufmerksamkeit auf dem Rücken der Nutzers aus. Das bedeutet: Wenn wir noch mehr Fake-Live Video Events erleben, dann kann Facebook zum Schutz des Nutzers gar nicht anders handeln als die Reichweite für diese Formate zurück zu fahren. Für andere Fake-Inhalte gab es schon viele Anpassungen des Newsfeeds Algorithmus, Click-Bait sieht man zum Beispiel auch kaum noch im Feed.

Und ganz klar gibt es auch noch die härteste Waffe gegen Seiten die Fake-Live einsetzen: Sperrung der Facebook Live Funktionalität für die entsprechenden Pages und Accounts. Oder im ersten Schritt auch deaktivieren der Notifications für die entsprechenden Seiten.

Vorstellen können wir uns eine Mischung aus allem. Am schnellsten umgesetzt ist dann wohl die zweite Variante.

Unser gut gemeinter Rat zum Abschluss: Verarscht eure Fans nicht. Es lohnt sich nicht. Nach der kurzfristig hohen Reichweite kommt der genauso hohe Fall, das haben wir bisher bei all diesen tollen Tricks gesehen die für massenhaft Reichweite sorgen.

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Veröffentlichung 27. Oktober 2016

Es gibt 8 Kommentare

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  1. 1
    Dominik

    Also ehrlich gesagt können die Live-Videos auch nerven, nämlich dann, wenn man es (und das tut man ja wohl am häufigsten) verpasst hat und dann sieht: Oh toll, ein 20 Minuten langes Video, wo nur ein Bruchteil wirklich relevant ist… >.< da denk ich schnell TLTW (too long to watch) und gucks erst garnicht an ;-)

  2. 2
    Ritchie Pettauer

    Harte Wortwahl – früher hätte man sowas noch Trickserei genannt, heute ist’s schon Betrug? Ich wusste gar nicht, dass Facebook der neue Gesetzgeber ist.

    • 3
      Dennis

      Wer seinen Fans in einem LIVE Stream nur eine Aufzeichnung vorspielt, also nicht live ist, der begeht doch wissentlich eine täuchung, also einen Betrug am zuschauer oder?

  3. 4
    SociaLuisa

    Facebook-Live-Videos von inhaltlosen Personen – sogenannten Promis – nerven. Da liegen teils Filter drüber (oder die machen Plastikfolie über die Linse, keine Ahnung ;) … sehr unglaubwürdig, dass da irgendetwas spontan, echt und live ist. Daher schmunzle ich gerade über den Artikel – lag ich doch wohl nicht so falsch mit meiner Vermutung.
    Videos mit Wissensvermittlung, Tipps und Ratschlägen haben da schon einen ganz anderen Stellenwert und werden mit Sicherheit für längerfristigen Erfolg führen.

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