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Gastbeitrag von Stefan Rybkowski

Wir sehen mehrere kleine Bildschirme, die zu einem gigantischen zusammengefügt sind. Darauf sind Livezahlen der Facebook-Mitglieder zu sehen. Die Zahl steigt ständig, bis sie schließlich die 1-Millionen-Marke erreicht. Die Bildschirme versprühen buchstäblich ein Feuerwerk, man feiert in den frischen Büroräumen des sozialen Netzwerks Facebook. CEO Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) hat sich gerade seine ersten Visitenkarten kommen lassen, die mit “I’m CEO, bitch!“ betitelt sind. Es ist zugleich eine erfolgreiche, aber auch eine triste Nacht, denn Mark verliert seinen einst besten Freund Eduardo Saverin (Andrew Garfield), der ihn wenig später verklagen wird um sich sein Stück vom Kuchen zu holen. Dabei wird er gewiss nicht der Einzige bleiben.

Es ist nur eine kurze Szene aus David Finchers The Social Network, in der der Zuschauer sich sicher fühlt, etwas ganz Großem beizuwohnen. Seit es das Kino gibt, hat es sich immer wieder diverser Gründungs- und Entstehungsmythen angenommen, egal ob weltliche oder religiöse, das Kino bietet eine Projektionsfläche für das, was wir mit eigenen Augen nicht sehen konnten, Ereignisse, bei denen wir nun quasi als Augenzeuge fungieren. So verhält es sich auch bei der Verfilmung der Entstehungsgeschichte um das größte soziale Netzwerk der Welt. Finchers Film basiert dabei auf Ben Mezrichs Roman The Accidental Billionaires (Amazon Link), der Mark Zuckerberg bis heute ein Dorn im Auge sein dürfte, zeichnet er doch ein ziemlich düsteres und raffgieriges Bild vom jungen CEO und Ex-Harvard-Studenten. Es wirkt dabei fast schon surreal, wenn die Million auf den Bildschirmen erscheint, hat man im Jahre 2010 doch stets im Hinterkopf, dass sich diese Zahl seit dem auf 500 Millionen gesteigert hat. Im Durchschnitt ist jeder sechste Mensch der Erde bei Facebook angemeldet.

Es verwundert also nicht, wenn dieses Gefühl nicht nachlässt. Dieses Gefühl ein Teil des Ganzen zu sein, und so schafft Fincher es auch immer wieder uns in seinen Film einzubinden. Mal schmunzelt man über das aus heutiger Sicht unfertige Design der Useroberfläche, mal über die lüsternen und voyeuristisch veranlagten Elitestudenten – nur um dann festzustellen, dass man Facebook aus exakt denselben Gründen nutzt. The Social Network spielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, bezieht hieraus einen Großteil seiner Spannung, denn obwohl die meisten mittlerweile wissen, wie die Entstehungsgeschichte ausgeht, fiebert man dennoch mit den jungen Protagonisten. Auch wenn es nicht verwundert, dass Alphatier Zuckerberg förmlich demontiert und entmystifiziert wird, so gelingt es Fincher doch auch mit den klassischen dramatischen Mitteln von eleos und phobos zu spielen: Mark ist ein zerbrechlicher Charakter, der stets nerdig und lediglich mit Adiletten bekleidet seine gesamte Freizeit vor dem Computer verbringt. Gerade hat seine Freundin mit ihm Schluss gemacht, da kommt ihm die Idee von The Facebook. Die folgenden Minuten, in denen sich Zuckerberg in das Netz von Harvard hackt und es schließlich zum Crash bringt, nutzt dabei viele Stilmittel des Thrillers, wie beispielsweise die Parallelmontage. Hier wird all das Genie, aber auch der Größenwahn deutlich, der Zuckerberg auszeichnet. War er gerade noch eine dramatische Figur, die sich seinen Frust in Form eines Blogeintrags von der Seele schreibt, ist er im nächsten Moment schon wieder berechnender Anti-Held. Und trotzdem bleibt er vor allem eines: ein junger Student mit all den Problemen, die man in diesem Alter hat. Genau hier erinnert The Social Network dann auch an einen John-Hughes-Film, der es wie kein Zweiter verstand, die Jugend und ihre Probleme für ein Massenpublikum aufzubereiten. Auch Finchers Film, respektive Aaron Sorkins Skript reiht sich nahtlos ein in diese Tradition. The Social Network ist so etwas wie ein John-Hughes-Film für die Generation Web 2.0, für Studenten, die als Digital Natives gar kein Leben ohne Laptop und Internet kennen.

In seinen schlechtesten Moment ist der Film dabei ein Porträt über Gier und junge, schöne Menschen, die es zu etwas bringen wollen im Leben. Im Prinzip ein Film für alle jungen Kreativen und Entrepreneure, die das Web 2.0 zu nutzen wissen und wie Zuckerberg den größtmöglichen Profit daraus schlagen wollen. In seinen besten Momenten ist The Social Network aber auch ein Drama über Freundschaft, Verrat und Loyalität, das auch völlig unabhängig vom (realen) Kontext funktioniert und zum Großteil von seinen charismatischen und starken Jungschauspielern lebt. Allen voran Andrew Garfield liefert mit der Rolle des CFO Eduardo Saverin seine bisher beste Leistung in seiner noch sehr jungen Karriere ab. Es wundert daher auch nicht weiter, dass er der neue Spider-Man ist und zukünftig ein millionenschweres Franchise auf seinen Schultern lastet. Das Gewicht, das hingegen auf Zuckerbergs Schultern lastet, scheint jedoch kein Problem für ihn zu sein. Fincher erzählt seinen Film nicht immer chronologisch und synchron, vielmehr handelt es sich bei der eigentlichen Entstehungsgeschichte um Rückblenden, die vom Gerichtsprozess aus narrativ eingebettet werden. Zuckerberg ist die Ruhe in Person, geizt nicht mit Kommentaren um sein Milliardenvermögen und lässt dabei aber auch immer wieder eine gewisse Abgebrühtheit und Intelligenz durchdringen. Fincher zeigt hier einmal mehr, wie vielfältig sein Film ist: er ist nicht nur Thriller und Drama, sondern auch klassischer Gerichtsfilm, der Zuckerberg als äußerst ambivalente Figur zurücklässt. Formalästhetisch weiß Fincher Stilmittel ohnehin ökonomisch zu nutzen, und so erinnern die dunklen, tristen Campusstraßen Harvards (die mit der Red-One-Kamera gedreht wurden) nicht von ungefähr an die urbanen Labyrinthe aus Se7en.

So pathetisch der Werbeslogan „Du kannst keine 500 Millionen Freunde haben, ohne dir ein paar Feinde zu machen“ auch klingen mag, er könnte wahrer nicht sein. The Social Network ist ein Epos, das machen nicht nur die Texttafeln am Ende deutlich, die die Entwicklung der letzten Jahre nochmals rekapitulieren. Finchers Verfilmung der Entstehungsgeschichte von Facebook ist auch der Film einer ganzen Generation, die mit The Social Network etwas bekommt, das in Zeiten von kurzlebigen Statusmeldungen und Kommentaren von einer Nachhaltigkeit ist, wie man sie heutzutage nur noch sehr selten im Kino zu sehen bekommt.

The Social Network startet am 7. Oktober in den deutschen Kinos.

Über den Autor:

Stefan Rybkowski arbeitet neben dem Studium an der Universität Tübingen als freier Journalist mit Schwerpunkt Film für verschiedene Print- und Onlinemedien. Zudem betreibt er seit mehr als drei Jahren das Filmblog www.equilibriumblog.de.

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12 Kommentare

  1. Schau ich mir an.Sehr gute Zusammenfassung mit der Spannung auf mehr

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  2. “sich diese Zahl seit dem auf 500 Millionen gesteigert hat. Im Durchschnitt ist jeder sechste Mensch der Erde bei Facebook angemeldet.”
    ???
    Dann hätten wir doch nur 3 Milliarden Menschen auf der Erde? Oder hab ich n Brett vorm Kopf?

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  3. @Sebastian

    Ja, den Fehler habe ich mittlerweile selbst bemerkt – sind natürlich mehr als 6 Milliarden, sprich jeder 12. ist im Prinzip Mitglied.

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  4. o.o

    Salami!

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  5. Sehr geehrter Herr Rybkowski,

    eine wirklich sehr ansprechende Filmkritik, die ich sofort auf meinem Blog übernommen habe.

    Als aktiver Social Media Networker freue ich mich natürlich auf den Film und danke Ihnen für den Vorbericht.

    Mit freundlichen Grüßen
    Twacebook
    Michael Volkmann

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  6. Man sieht dem Film in der Tat gut an, dass die Red One als Kamera doch auch für große Hollywood-Geschichten zunehmend funktioniert – nicht nur aus ökonomischer Sicht. Fincher bekommt seine Bilder gut in den Kasten.

    Da hat die große Arri zumindest ökonomisch sicher Nachteile, auch wenn die technisch besser ist.

    Kommt im Artikel nicht zur Sprache, verdient aber mindestens eine Erwähnung: der Soundtrack vom Reznor.

    Mehr in eigener Kritik: http://wp.me/pWnmn-9T

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