„Hater“: Neue Plattform für die Troll-Gemeinde

„Hater“: Neue Plattform für die Troll-Gemeinde


Hater App for iPhone 3GS, iPhone 4, iPhone 4S, iPhone 5, iPod touch (3rd generation), iPod touch (4th generation), iPod touch (5th generation) and iPad on the iTunes App Store

Fast 510.000 Fans hat die Seite „Dislike“ auf Facebook, die mit dem Satz „Listen, Facebook! Create a Dislike Button!“ für sich wirbt. Es gibt wohl ebenso viele dieser Seiten und Forderungen, wie es Fans für sie gibt. Denn die ewigen Belanglosigkeiten nerven die Nutzer zunehmend. Ob Bilder vom Mittagessen, Duckface-Shots vor dem Badezimmerspiegel, mitleidserregende „1 Like = 1 Pray“-Bilder oder „If I get 1 Million Likes, …“-Klickgeilheiten, die „Gefällt mir“-Meute lässt sich immer wieder neue Nervtöter einfallen, die den Newsfeed durch das Likeverhalten der eigenen Freunde überschwemmen. Nicht nur deshalb wäre ein „Gefällt mir nicht“- oder „Dislike“-Button in manchen Fällen tatsächlich sinnvoll und würde wahrscheinlich auch regen Zuspruch finden. Doch nur weil man etwas nicht mag, heißt das noch lange nicht, dass man es hasst.

Nach diesem Prinzip geht die neue iOS-App „Hater“ nämlich nun vor und dürfte damit auf offene Ohren in der Troll-Gemeinde treffen. Mittels Foto-Funktion können unliebsame Dinge, Menschen oder Zustände direkt in die App geladen werden. Sie stehen ab sofort zum „Haten“ bereit, das negative Pendant zum Klick auf „Gefällt mir“. Wer zusätzlich noch einen gehässigen Kommentar verfassen möchte, macht das dann entweder unter seinen Account-Daten (eigenes Profil oder Twitter- bzw. Facebook-Integration) oder switcht um auf sein „Alter Ego“, also einen anonymen Namen.

Kurz um: „Hater“ bietet eine hervorragende Plattform für alle Trolle und Netzpessimisten, sich in ihrem Hass wortwörtlich voll und ganz auszuleben. Ob Justin Bieber oder der Stau auf der Autobahn, ab sofort kann alles und jeder öffentlich und unter Umständen auch anonym gehasst werden. „Hater“ hat also – auch und vor allem durch die Funktion, Dinge selbst hinzuzufügen – die perfekten Voraussetzungen dafür, das neue „I Share Gossip“ zu werden, nur in App-Form. Die Website ist  im Sommer 2011 vom Netz gegangen, zuvor stand sie regelmäßig wegen Selbstmorden in der Öffentlichkeit, die als Folge des publiken Cybermobbings begangen wurden.

Sicherlich ist die Idee von „Hater“ grundsätzlich eine andere, zumindest kann man den Machern um Jake Banks nichts gegenteiliges nachweisen. Den Kollegen von „Mashable“ sagte er zu seiner neuen Erfindung, dass es nicht so schlecht sein müsse: „Vielleicht siehst du etwas, das du so sehr hasst, dass du es ändern möchtest, was das genaue Gegenteil davon wäre, wenn du etwas likest.“ Doch könnte „Hater“ schnell sehr populär werden. Die Möglichkeiten, nun nicht mehr nur sein tolles Leben selbst darzustellen, sondern auch seinen Unmut über Dinge und Menschen, wirken möglicherweise sehr verlockend. So könnte sich der weniger gemochte Schüler oder die zickige Arbeitskollegin schnell in der App wiederfinden. Bildet sich eine Crowd um sie, finden sie sich in Anbetracht der noch sehr wenigen Nutzer auch sehr schnell unter den „Popular“-Bildern, was gegen einige Rechte verstoßen dürfte.

Etwa gegen unser Grundgesetz, denn verstößt das öffentliche Mobben mit der klaren Intention des Hasses sicherlich gegen die Unantastbarkeit der menschlichen Würde. Aber auch Persönlichkeitsrechte dürften teils gravierend tangiert werden. Hinzu kommt – sicherlich in dieser Aufzählung der kleinste Punkt, aber mit Blick auf unsere Abmahn-Industrie nicht ganz unbegründet – die Frage nach dem Urheberrecht von manchen Bildern, die bei „Hater“ eingestellt werden. Kurz um: „Hater“ dürfte, insofern es denn irgendeine Relevanz bekommen sollte, auch schnell mal Gegenstand beim Anwalt werden. Relevanz wird es übrigens wohl erst dann bekommen, wenn die App vernünftig ausprogrammiert wurde. Aktuell hagelt es noch Abstürze durch zahlreiche Bugs.

Auch wenn die Idee ganz lustig ist, „Hater“ vermittelt ein falsches Bild. Trolle werden sich dort super zurecht finden, aber ich sehe kaum eine Chance dafür, dass die App vernünftig und anständig genutzt wird. Dafür muss man nur jetzt schon einmal in die Kommentare der Bilder schauen, die bisher hochgeladen wurden. Troll-Kultur haben wir in der Blogosphäre genug, da hat eine mobile App gerade noch gefehlt.

Banks stellt auf der App-Website eigentlich genau die passende Frage: „Wer sagt, dass es deine einzige Option ist, zu liken?“ Ist es nicht. Charmantes Übersehen oder das Äußern von konstruktiver Kritik tun es manchmal auch. Da muss man etwas nicht gleich hassen.

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