Facebooks Sozialstudie – Der Aufreger, der kein Aufreger ist

Facebooks Sozialstudie – Der Aufreger, der kein Aufreger ist


Kopfschütteln, ganz viel Kopfschütteln, das war unsere erste Reaktion, nachdem wir am Wochenende miterleben durften, wie viel Aufregung eine bereits einen Monat alte Meldung in der deutschen und internationalen Presse auslöste:

„Das Psycho-Experiment ist schreckenerregend“ (Handelsblatt)

„Wie breiten sich Emotionen in sozialen Netzwerken aus? Das sollte eine Studie von Facebook ergründen. Das Netzwerk hat dafür jedoch den Nachrichtenstrom hunderttausender Nutzer manipuliert.“ (N24)

„Facebook-User empört über „Psycho-Experiment““ (Focus.de)

Hintergrund der Aufregung: Facebook hatte vor 1,5 Jahren in einem Experiment den Newsfeed von über 300.000 Nutzern manipuliert und mit positiven Nachrichten geflutet. Es konnte nachgewiesen werden, dass die Nutzer, die einen „positiven Newsfeed“ sahen, anschließend ebenfalls positivere Nachrichten im Netzwerk veröffentlichten.

Die Aufregung nun zeigt jedoch nur, wie unreflektiert die Nutzer mit sozialen Netzwerken umgehen und wie unterschätzt deren Macht ist. Facebook manipuliert die Nutzer ständig und macht zumeist auch keinen Hehl draus. Wenn das Netzwerk ankündigt, in Zukunft Nutzern, die gerne Videos schauen, mehr Videos zu zeigen, was ist das dann anderes als eine Manipulation zugunsten des Netzwerkes (und der Verweildauer auf Facebook)?

Wie Facebook aussieht, welche Anzeigen wir zu sehen bekommen, welche Themen im Newsfeed erscheinen, all das sind die Ergebnisse von Tests am Nutzer. Und das Meiste davon ist mehr „Psycho“ als wir es uns vorstellen wollen.

Ein kurzer Blick in Facebooks offizielle Research Datenbank lässt nur erahnen, wie diese Erkenntnisse zur Anpassung des Newsfeeds und damit zur Manipulation des Nutzers verwendet werden:

Das waren nur 4 der 16 Veröffentlichungen aus dem Themenbereich „Social Computing“. Und es ist stark davon auszugehen, dass neben diesen wissenschaftlich begleiteten Experimenten jede Menge weitere Tests laufen.

Wir sind der Meinung: [tweetable]Wer sich über das aktuelle „Psycho-Experiment“ aufregt, sollte am besten sein Facebook-Konto sofort schließen.[/tweetable]

Bild auf Basis von: Abstract telecommunication world map with circles / Shutterstock.com

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestShare on LinkedInBuffer this pageEmail this to someone
Veröffentlichung 30. Juni 2014

Es gibt 17 Kommentare

Deinen hinzufügen
    • 4
      Jens Wiese

      Ich glaube nicht, dass wir unreflektiert sind, sondern realistisch.
      Natürlich ist das, was Facebook hier macht bedenklich, aber es ist nicht überraschend.

    • 5
      Hihaho

      So eine Aussage wie „Dann lösche deinen Account“ lässt euch dennoch in einem ganz anderem Licht da stehen. Wir wissen auch alle, daß die Reichen die Armen ausnutzen, es natürlich Kriege und Mord gibt etc., etc., aber deshalb entschuldigen das nicht alle mit Realismus. Vielleicht einfach die Worte dann mit mehr bedacht wählen und genauer darüber nachdenken, was man eigentlich dem Leser vermitteln will.

  1. 6
    Markus Käkenmeister

    User eines Produkts zu sein ist schon etwas anderes als Versuchsperson eines soziopsychologischen Experiments zu sein. Ich sehe dabei eine andere Qualität:

    Wenn ich ohne mein Wissen in die Gruppe gerate, die schwerpunktmäßig „negative Postings“ angezeigt bekommt, kann das mein Verhalten über die Facebooknutzung hinaus verändern: Der allgemeine Zustand in meinem Umfeld, der Welt, erscheint mit dann negativer als sonst. Durch Facebook werde ich die Welt verzerrter und negativer bewerten als jemand, der positive Meldungen angezeigt bekommt.

    Ängstlichen Personen kann damit durchaus ernsthafter Schaden zugefügt werden (bis hin zum Suizid, soweit hergeholt ist dies nicht).

    Dass auch alle anderen Medien, klassische wie auch neue, das Ziel haben, Verhalten zu manipulieren, ist ja unbestritten. Man darf aber niemand schädigen (auch in der Werbung nicht) und niemanden missbrauchen (das beschreiben wir mit dem etwas sperrigen Ausdruck Ethik). Es kann sinnvoll sein, Versuchspersonen über die wahren Absichten eines Experiments zu täuschen, aber der zu erwartende Nutzen für die Forschung muss abgewogen werden. Dafür gibt es Kommissionen, die darüber entscheiden.

    Hier wurde kein informed consent hergestellt. Die Versuchspersonen waren sich noch nicht mal darüber bewusst, Versuchspersonen zu sein und hatten auch keine Chance, dem zu entkommen. Es wurde die Illusion aufrecht erhalten, der Newsfeed sei eine Abbildung der Realität. Nutzer wurden absichtsvoll getäuscht.

    Auch mit Social Media Usern darf man nicht alles machen. Eine ähnliche Diskussion hatten wir früher mal mit Dating Communities. Da fallen ja auch viele Daten an, die man zu weiteren Analysen heranziehen könnte, z.B. um Persönlichkeitsprofile zu erstellen.

    Man hätte im Facebook-Fall vergleichbare Ergebnisse generieren können, wenn man „nonreaktiv“ gemessen hätte. Es wäre ja kein Problem gewesen, sich alle oder einen repräsentativen Teil der Timelinepostings und Reaktionen anzusehen. Eine Manipulation im Rahmen eines solchen Experiments wäre noch nicht mal nötig gewesen.

  2. 7
    Sinje

    Es gibt gewisse Grundprinzipien, an die sich Forschung mit menschlichen Versuchpersonen halten muss. Eines dieser Prinzipien ist „informed consent“ (siehe http://www.apa.org/ethics/code/index.aspx?item=11): Forscher sind verpflichtet, Probanden über ihre Teilnahme an einer Studie aufzuklären und haben dafür Sorge zu tragen, dass sie alle nötigen Informationen haben, um über die Teilnahme entscheiden zu können. Sollte eine Täuschung der Teilnehmer stattgefunden haben, sind sie nach beendigung des Experiments zu debriefen. All das ist mit einer Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen leider nicht erledigt, von daher wurde hier ein fundamentales Prinzip wissenschaftlicher Untersuchungen verletzt, was wie ich finde schon etwas Aufregung Wert ist.

    • 8
      Jens Wiese

      Ja, das ist ein guter Punkt. Aber in der Konsequenz müsste dann bereits der Facebook Login mit einem Warnhinweis „Sie sind Teil eines großen psychologischen Experiments“ ausgestattet werden, oder?

    • 10
      Sinje

      Wieso? (Mal davon abgesehen, dass das nicht annähernd den Kriterien für informed consent oder debriefing entspricht.)

      Ich denke die Differenzierung, die mir in deinem Beitrag fehlt, ist dass Facebook sicherlich die Daten nutzt, die wir dort hinterlegen. Sich über die Nutzung dieser Daten zu (Markt)Forschungs- und Werbezwecken aufzuregen kann man meinetwegen auch als naiv bezeichnen. Aber wenn ohne Einverständnis und debriefing die Gefühlszustände von Menschen negativ beeinflusst werden, liegt ein klarer Verstoß gegen grundlegende ethische Grundprinzipien der Forschung vor. Dass das alles nicht fürchterlich überraschend kommt, macht es kein bisschen weniger empörend.

    • 11
      Markus Käkenmeister

      Klar, Facebook muss wie andere auch sagen, was sie tun und wie das Vertragsverhältnis ausgestaltet ist.

      Dafür gibt es die T&Cs und die Data Use Policy. Wenn dort tatsächlich steht, dass Facebook mich Experimenten aussetzen darf ohne mich zu informieren, dann wäre das okay. Denn dem stimmt man mit der Registrierung zu.

    • 12
      Sinje

      @Markus Käkenmeister: Eben nicht! Man kann so eine Einverständniserklärung à la „Ich mache bei Forschung mit“ eben nicht einmal geben und die hält dann bis zum Löschen des Accounts und für alle möglichen Manipulationen vor. Ich wiederhole: Für wissenschaftliche Untersuchungen an menschlichen Versuchspersonen gibt es Richtlinien, denen Forscher verpflichtet sind. Diese Richtlinien sind etwas anderes als T&C und Co und wurden hier nicht befolgt.

    • 13
      Markus Käkenmeister

      @Sinje : Richtlinien (u.a. APA und dergleichen), sind Grundsätze, denen man sich als Forscher an einer Universität o.ä. zu unterwerfen hat. Und das ist ja auch gut so, einklagbar sind sie wohl kaum. Oft liest man in solchen Richtlinien „Die Forscher selbst sind verantwortlich für die Einhaltung ethischer Richtlinien“. Im Zweifelsfall müssten sich also die Standes- oder Berufsorganisationen nun darum kümmern.

      Forschung mit den Daten, die Facebook gehören, ist sicher etwas anders zu beurteilen.

      Wenn es dem Durchschnittsnutzer bewusst ist, dass der Newsfeed nicht die Realität abbilden will und wenn er weiß, dass er gerade Teil eines Experiments ist, aus dem er aussteigen kann, dann sollte das ja reichen.

      Man kann Facebook ja schwerlich vorschreiben, was sie im Newsfeed anzeigen sollen. Die sollen nur nicht vorgeben, das hätte etwas mit der Realität zu tun bzw. solche Variationen verschweigen.

    • 14
      Sinje

      @Markus Käkenmeister: Co-Autoren dieser Studie sind wissenschaftliche Mitarbeiter an renommierten US-Unis und sollten diesem Kodex verpflichtet sein. Und ich wiederhole mich wahrscheinlich – aber es geht bei meinen Bedenken nicht darum, dass Facebook Daten sammelt, sondern darum, wie sie in diesem Falle zu diesen Daten gekommen sind – nämlich dass unwissende Versuchspersonen einer experimentellen Manipulation ausgesetzt werden, die sich unter gewissen Umständen negativ auf ihre psychische Gesundheit auswirkt.

    • 15
      Tina

      @Sinje: Amen!!!
      Im Grunde stimme ich der Aussage des Artikels ja zu, dass jede Welle solcher Empörung, beispielsweise über Facebooks Datenschutzpolitik, an Naivität grenzt. Aber die Tatsache, dass man das Ganze so verkauft als sei es nach den Prinzipien der Forschungsethik abgelaufen und auch noch an den entsprechenden Stellen publiziert, ist eine andere Geschichte – also grundlegend nochmal ein ganz anderes Problem als die (wie auch immer zulässige oder nicht zulässige) Verwendung von Nutzerdaten zur Herstellung korrelativer Zusammenhänge.

  3. 16
    David Tsrouya

    Hallo Jens,
    als Otto-Normalnutzer, der unreflektiert mit Facebook umgeht und dessen Macht unterschätzt, darf man sich auf jeden Fall über die Experimente aufregen, finde ich. Denn, den meisten Nutzer ist vermutlich nicht bewusst, welche Macht Facebook hat. Gut wenn das, auch verspätet, thematisiert wird.

    Und auch als Facebook-Profi, der Newsfeed-Algorithmus und AGBs kennt, darf man diese Experimente kritisieren. Man darf von einem Newsfeed erwarten, dass alle relevanten Postings unabhängig vom Sentiment o.ä. angezeigt werden und von Facebook kann man erwarten, dass eine Einwilligung von der Versuchskaninchen eingeholt wird.

    Grüße,
    David

  4. 17
    Thomas

    Von der Kurzsichtigkeit dieses Beitrages bin ich gelinge gesagt überrascht. Wie in den Kommentaren schon erklärt wurde: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen 1.) einer Auswertung aller zur Verfügung stehenden Nutzerdaten, um dann z.B. eine andere Auswahl von Inhalten präsentieren zu können und 2.) der Manipulation, Veränderung von Posts, zu welchem Zweck auch immer. Das ist doch das einzige Element, auf das ich mich als Nutzer verlassen können muss: Dass die Posts so sind, wie die Verfasser sie geschrieben haben. Jeder Verstoß dagegen ohne Information und Einverständnis der Betroffenen ist ein Tabubruch. (Dazu kommt noch die Informationspflicht bei jedem derartigen Experiment.)

+ Hinterlasse einen Kommentar