Draufgeklickt! – Abhängigkeitsverhältnis auf Facebook


Facebook und die Vorgesetzten – das ist ein Thema ganz für sich. Ob der nette, moderne Deutschlehrer in der Schule, der Vorsitzende der Partei oder der Chef im Industrieunternehmen: Da so gut wie jeder auf Facebook ist, ist es fast unausweichlich, dass sich beide Parteien eines Abhängigkeitsverhältnisses auf der Plattform über den Weg laufen.

Stellen wir uns also folgende Situation vor: Nach Feierabend sind wir vor dem Abendessen kurz auf Facebook, um den jüngsten Freunde-Klatsch nicht zu verpassen. Plötzlich erscheint die altbekannte rote „1“ am linken Bildschirmrand mit der Nachricht, dass unser Vorgesetzter nun mit uns »befreundet« sein möchte. Wir haben nun die Wahl zwischen »Akzeptieren« oder heimlich ablehnen.

Was passiert, wenn wir annehmen? Der Chef ist glücklich, wenn er sieht, dass wir bestätigt haben und klopft uns am nächsten Tag kräftig auf die Schulter. Die Kollegen dagegen sind alles andere als begeistert, sehen die »Freundschaft« als Schleimerei und halten den Schritt für eine klare Grenzüberschreitung im Abhängigkeitsverhältnis. Und wir selber? Wir trauern der Freiheit nach, die wir hatten, als der Chef nicht alles mitlesen konnte. Wir vermissen die Unabhängigkeit, die wir spürten, wenn wir wahllos was auf die amerikanischen Server luden.

Was passiert, wenn wir ablehnen? Der Chef wird uns spätestens nach ein paar Tagen darauf ansprechen, warum wir seine Freundschaftsanfrage noch nicht erwidert haben. Wir geraten ins Stottern, sprechen vom digitalen Fasten und davon, dass wir Facebook ja sowieso nicht nie nutzen würden und wenn, dann nur um Geburtstagseinladungen entgegen zunehmen. Der Chef ist enttäuscht, schließlich sieht er es als Selbstverständlichkeit an, dass wir seine Anfrage mit offenen Armen empfangen. Immerhin ist der Ruf bei den Kollegen nicht ruiniert und wir können posten, was wir wollen, so oft wir wollen und so lange FarmVille spielen, bis der PC raucht.

Natürlich sind das nur hypothetisch-negative Beispiele. Das Ganze kann auch ganz anders laufen:

Wir nehmen die Anfrage an. Nicht, weil wir den Zornesausbruch des Chefs fürchten, nein, sondern weil wir unseren Chef mögen. Genau so, wie die Kollegen auch, weil er ein cooler Typ ist, der auch gerne mal nach Feierabend ein Bierchen mit uns trinken geht. Was wir posten interessiert ihn nicht, auf die Bilder aus der Szenebar hämmert er lediglich unzählige Male auf den „Gefällt mir“-Button ein. Wir verlagern ein gutes, lockeres Verhältnis einfach nur vom Real-Life ins Netz – So, wie wir das auch sonst mit allem machen.

An diesen drei Beispielen, wie die Freundschaftsanfrage von unserem Chef laufen kann, sehen wir, dass das Thema – wie eingangs erwähnt – ein Thema für sich ist. Denn das sind nur drei von tausenden von Möglichkeiten, wie ein erfreuter Chef, verärgerte Kollegen oder der von den Partybildern ernüchterte Personalleiter auf unsere Antwort reagieren könnte.

Wichtig ist, dass wir uns um die Komplexität dieser Thematik bewusst sind und dass wir mögliche Gefahren und Vorteile richtig abwägen. Sicherlich kann man ein klasse Verhältnis zu seinem Chef haben, gewisse Grenzen dürfen aber keinesfalls übertreten werden – Sei es im Social Web, in der Kneipe oder im Büro selbst. Wer nichts postet, dass ihm peinlich sein müsste, der braucht sich aber auch vor der Chefetage im Freundeskreis nicht zu fürchten.

Im übrigen: In den USA ist der Klick auf „Gefällt mir“ bei der Konkurrenz eine nicht schutzwürdige Meinungsäußerung. Augen auf also bei der Beruf… äh, Freundeswahl.

In seiner wöchentlichen „AllFacebook.de“-Kolumne „Draufgeklickt!“ geht der freie Journalist Tobias Gillen jeden Freitag auf News, Probleme, Konkurrenten und Innovatives aus der Welt des Mark Zuckerberg ein. Im Netz ist er außerdem auf seiner Website, Twitter und Facebook zu finden

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